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Pfister, O. (1912). Anwendungen der Psychanalyse in der Pädagogik und Seelsorge. Imago, 1(1):56-82.

(1912). Imago, 1(1):56-82

Anwendungen der Psychanalyse in der Pädagogik und Seelsorge

Oskar Pfister

Die psychanalytische Forschung hat drei sichere Ergebnisse gezeitigt, welche eine Umwälzung der erzieherischen und seelsorgerlichen Praxis nach sich ziehen müssen.

Zunächst lieferte sie den exakten Nachweis dafür, daß unser bewußtes Denken, Fühlen und Wollen auf Schritt und Tritt von seelischen Motiven beherrscht wird, die unter der Bewußtseinsschwelle liegen. Feine Menschenkenner ahnten diese »subliminalen« 〈»unterschwelligen«〉 Mächte schon lange. Besonders die höchsten ästhetischen, ethischen und religiösen »Offenbarungen« brachte man oft mit solchen jenseits des Bewußtseins liegenden Tatsachen in Zusammenhang. Schiller scheint es zu tun in seiner Schilderung des Dichters:

»Wie in den Lüften der Sturmwind saust,

Man weiß nicht, von wannen er kommt und braust,

Wie der Quell aus verborgenen Tiefen,

So des Sängers Lied aus dem Innern schallt

Und wecket der dunkeln Gefühle Gewalt,

Die im Herzen wunderbar schliefen.«

Seitdem Sokrates von der bewußten ethischen Reflexion die unmittelbare Eingebung des Daimonions unterschied, ist zum mindesten die Stimme des Gewissens immer wieder auf nichtbewußte Einflüsse, oft auf die vom Strahl des Bewußtseins nicht beleuchteten Tiefen der Seele zurückgeführt worden. Die religiösen Propheten waren sich stets klar, daß sie nicht aus eigener Gedankenwelt schöpften, sondern unter Impulsen standen, die ihren bewußten Seelenregungen oft stark widerstrebten.

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