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v. Hug-Hellmuth, H. (1912). DAS KIND UND SEINE VORSTELLUNG VOM TODE. Imago, 1(3):286-298.

(1912). Imago, 1(3):286-298

DAS KIND UND SEINE VORSTELLUNG VOM TODE

H. v. Hug-Hellmuth

Es gibt in der Fülle der Erscheinungen des menschlichen Lebens keine, die nicht auch dem Kinde bedeutsam würde. Insbesondere sind Anfang und Ende des Lebens, Eintritt und Hingang des Einzelnen die nie versiegende Quelle aller Wie und Warum des Kindes. Einmal bei dem ewigen Lebensrätsel angelangt, bleibt dieses im Spiel und Ernst das Ziel alles Forschens. Denn mit Leben und Tod verknüpfen sich ihm Liebe und Haß, Grausamkeit und Mitleid. Das kleine Kind, das lachend den Wurm zertreten hat, nimmt ihn mit behutsamen Fingern auf, um die zuckenden Glieder wieder zu vereinigen, und ist ehrlich betrübt, da sein Beginnen erfolglos bleibt. So stark ahnt das Kind die seelische Übermacht des Menschen über jegliche andere Kreatur, daß es ohne weiteres sich selbst Macht über Leben und Tod zuschreibt. Ihm bedeutet Todsein einmal einen Schlafzustand, aus dem geweckt zu werden, ein Leichtes ist, ein andermal ein Entferntsein, das zu ändern im Willen des Menschen liegt. Diese freundliche Auffassung des Todes stammt zum großen Teil aus den Märchen, die Schrecken und Grausamkeit stets durch ein glückliches Ende versöhnen; wird doch der Held oder die Heldin alsbald wieder wachgeküßt aus dem Tode von einer guten Fee, einem schwertbewaffneten Ritter, und Leid und Trauer wandeln sich in Hochzeitslust und Freude. Und wenn eine Märchengestalt nicht wieder aufersteht von blutigem Sterben, so sieht darin die kindliche Phantasie die gerechte Strafe für arge Missetaten; daher der Schauer gewisser nervös veranlagter Kinder vor dem Tode, wenn sie sich eines Unrechts schuldig fühlen.

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