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Blüher, H. (1912). »Niels Lyhne« von J. P. Jakobsen und das Problem der Bisexualität. Imago, 1(4):386-400.

(1912). Imago, 1(4):386-400

»Niels Lyhne« von J. P. Jakobsen und das Problem der Bisexualität

Eine literaturkritische Studie Hans Blüher

Die Erkenntnis der prinzipiellen Bisexualität des Menschen ist zu einem der wichtigsten Standpunkte der modernen Sexualwissenschaff geworden, und zwar nimmt hierbei die Auffassung Freuds einen gewissen Höhepunkt ein. Die Doppelgeschlechtlichkeit nicht als eine einzelne pathologische Erscheinung, wie die Doppelköpfigkeit, sondern als eine in der sexuellen Konstition des Menschen überhaupt begründete und dauernd wirksame Qualität, das ist der entscheidende Punkt. Um zu einer solchen Stellungnahme zu kommen, war zunächst eine bedeutende Erweiterung des Sexualitätsbegriffes nötig gegenüber der früheren Auffassung, die bis jetzt auch noch die populäre ist. Sexualität durfte nicht bloß das Gebiet des mit deutlichen organischen Akten verbundenen Lustrausches sein, sondern jede Form von Zuneigung, Hingabe, jedes Streben nach einem andern Menschen mußte als mit einer sexuellen Quote belegt vorgestellt werden. Die Erfahrung gibt hierzu tagtäglich Anlaß: wir beobachten im Verkehr mit Menschen Gefühlsäußerungen zwischen Angehörigen desselben Geschlechtes, die uns mit den Liebesbeziehungen, wie sie sonst zwischen entgegengesetztgeschlechtlichen Personen vorkommen, eine auffallende Ähnlichkeit haben: das Drangartige, tief Bestimmende und Aufregende ist auch hier vorhanden, selbst wenn man den Gedanken an eine geschlechtliche Entladung beiseite setzt.

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