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(1914). WILHELM OSTWALD, Auguste Comte, Der Mann und das Werk. 〈Leipzig 1914. Verlag Unesma〉. Imago, 3(6):539-540.

(1914). Imago, 3(6):539-540

WILHELM OSTWALD, Auguste Comte, Der Mann und das Werk. 〈Leipzig 1914. Verlag Unesma〉

Dem Interesse Ostwalds für »große Männer« konnte Auguste Comtes Persönlichkeit schon deshalb nicht entgehen, weil sein Monismus sachlich durchaus mit Comtes Positivismus 〈»Die Wissenschaft als oberste Instanz«〉 zusammenfällt.

Comtes Persönlichkeit ist auch psychoanalytisch sehr interessant, obwohl natürlich die hier beigebrachten biographischen Details nicht genügen. Auch sind wir nicht gewohnt, geistige Überanstrengung u. dgl. als Ursache von Psychose anzusehen, sondern fragen schon nach der Psychogenese des gesteigerten Arbeitsdranges…. Anderseits aber zeigt Ostwald hier tieferes Verständnis für die Bedeutung der »psychischen Regression« und erklärt die Rückkehr des alt gewordenen Antimetaphysikers zur Religion als Regression auf die Kindheit, in der Comte unter dem Einfluß der bigotten Mutter stand.

Uns fällt auf, daß Comte, der im 28. u. 29. Jahre eine akute Psychose durchmachte, in den folgenden Jahren Zeichen von Verfolgungs- und Größenwahn und vom 48. Lebensjahre an viele Züge »religiöser Paranoia« verrät. Er fühlt sich als Hohepriester der »Religion der Menschheit«, stellt Kultusregeln auf, macht einen eigenen Kalender, hält Sonntagspredigten usw. Der ursprüngliche Bekämpfer aller Religion und Mystik landet im Hafen eines »Katholizismus ohne Christentum«. Sein Mystizismus nimmt seinen Ursprung vom Grabe einer Geliebten, mit der er im 47. Lebensjahre — nach Trennung von seiner Gattin — in einem platonischen Liebesrausch gelebt hatte, die ihm aber nach einem Jahr durch den Tod entrissen wurde. »Lebe wohl meine ewige Gefährtin, die du mir gleichzeitig Gattin, Schwester und Tochter warst!,« apostrophiert er die Dahingegangene in einem dithyrambischen Nachruf, den er als Widmung seiner »Politique positive« voransetzt.

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