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Abraham, K. (1920). Zur Prognose psychoanalytischer Behandlungen in vorgeschrittenem Lebensalter. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 6(2):113-117.

(1920). Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 6(2):113-117

Originalarbeiten

Zur Prognose psychoanalytischer Behandlungen in vorgeschrittenem Lebensalter

Karl Abraham

Die Frage, unter welchen Bedingungen eine psychoanalytische Behandlung einen therapeutischen Erfolg verspricht, ist bisher im einzelnen fast unerörtert geblieben. In einem Aufsatz aus dem Jahre 1898, der dem ersten Bande der „Kleinen Schriften zur Neurosenlehre“ eingefügt ist, hat Freud sich in allgemeiner Form zu dieser Frage geäußert. In den seither verlaufenen Jahren hat sich die psychoanalytische Erfahrung vervielfacht, die Technik der Behandlung weiter entwickelt. Es ist daher wohl angebracht, eine praktisch so wichtige Frage einer genaueren Betrachtung zu würdigen. Die folgenden Zeilen sollen einen ersten Beitrag zu ihrer Lösung bringen.

In dem zitierten Aufsatz hat Freud die Meinung vertreten, daß ein zu weit vorgeschrittenes Alter des Patienten die Wirksamkeit der Psychoanalyse begrenze. An der allgemeinen Richtigkeit dieser Auffassung kann wohl kein Zweifel aufkommen. Daß mit dem Beginn körperlicher und psychischer Involution das Individuum weniger bereit sein werde, von einer Neurose zu lassen, die sein Leben bisher begleitet hat, war ja von vornherein wahrscheinlich. Die psychoanalytische Erfahrung jedes Tages legt uns aber nahe, an die seelischen Vorgänge nicht zu starre Normen anzulegen. Sie warnt davor, mit aprioristischen Erwartungen an die Erforschung oder an die Behandlung nervöser Zustände heranzutreten. Haben wir uns doch davon überzeugen müssen, daß gewisse Geisteskrankheiten, deren Unbeeinflußbarkeit ein Dogma der Psychiatrie bildete, der psychoanalytischen Methode zugänglich sind! So scheint es denn auch unrichtig, die therapeutische Beeinflußbarkeit der Neurosen im Involutionsalter grundsätzlich zu leugnen.

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