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Pfister, O. (1921). Plato als Vorläufer der Psychoanalyse. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 7(3):264-269.

(1921). Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 7(3):264-269

Plato als Vorläufer der Psychoanalyse

O. Pfister

Die folgenden Ausführungen bilden einen Abschnitt der geschichtlichen Einleitung eines im Entstehen begriffenen Werkes über „Entwicklungen und Fehlentwicklungen der Liebe“. Ich biete sie dem Leser nicht nur darum an, weil es für den Analytiker eine Freude ist, einige der tiefsten und fruchtbarsten Gedanken Freuds bei einem der erstaunlichsten Seelenseher aller Zeiten wiederzufinden, sondern auch aus einem anderen Grund. Allgemein wird Plato zu den edelsten und ehrwürdigsten Denkern gezählt und sogar über seine Verherrlichung der Homosexualität geht man nachsichtig hinweg. Wie nun, wenn die anstößigsten Lehren der Psychoanalyse schon bei ihm vorkommen? Wird man fortfahren, die Analytiker zu verketzern, Plato aber als göttlichen Seher zu preisen? Wie dem auch sei, wir werden, unbekümmert um Verdächtigungen und Verleumdungen, den Weg der Wahrheit weiter schreiten.

Auf abendländischem Boden hat als erster und zugleich auch am tiefsten und klarsten Plato unseren Gegenstand beobachtet und beschrieben. Für ihn ist Eros, die Liebe, zunächst Geschlechtsoder Fortpflanzungstrieb.

Seine Betätigung beurteilt er keineswegs geringschätzig, ist ihm doch die Vereinigung von Mann und Weib zum Zwecke der Zeugung etwas Göttliches (Gastmahl, Kap. 25). Allein höher noch erhebt sich die Liebe: sie erstrebt und findet die schöne, edle und begabte Seele im Leib (Nachmansohn 78), so daß die Befruchtung zu einem geistigen Akte wird. Durch diese Vergeistigung schafft sich Plato einen Grund (oder Vorwand), sogar die Knabenliebe, die er über die Frauenliebe setzt, als ethisches Verhalten zu preisen. Eine weitere Erhöhung des Liebesdranges erblickt er im philosophischen Trieb, in welchem sich der Eros dem Abstrakten zuwendet, der Ideenwelt. Und endlich erhebt sich die Liebe bis zum Throne der Gottheit.

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