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Henseler, H. (1983). Moby Dick - Überlegungen zur narzißtischen Wut. Jahrb. Psychoanal., 15:269-289.

(1983). Jahrbuch der Psychoanalyse, 15:269-289

Moby Dick - Überlegungen zur narzißtischen Wut

Heinz Henseler

I Das Phänomen

Es gibt eine Form von Wut, die in der deutschen Umgangssprache sehr treffend mit „ohnmächtiger Wut“ umschrieben wird. Treffend - wie ich meine - aus zwei Gränden: 1. gilt die ohnmächtige Wut als intensivste Form von Wut, so intensiv, daß das Subjekt sich ihr gegenüber ohnmächtig fählt; 2. entsteht sie aus Ohnmachtsgefühlen und stellt einen leidenschaftlichen - aber meist vergeblichen - Versuch dar, die verlorene Macht zuräckzugewinnen. Im psychoanalytischen Schrifttum wird diese Art von Wut oft als „narzißtische Wut“ bezeichnet. Dieser Begriff enthält die Deutung, daß es sich um eine Reaktion auf eine Kränkung handelt. Narzißtische Wut wird also besonders häufig und deutlich bei kränkbaren, anders ausgedräckt, bei narzißtisch gestörten Persönlichkeiten (im weitesten Sinne) zu beobachten sein.

Einer meiner Patienten, ein für sein bewußtes Erleben betont friedliebender Mann, reagierte in einer Phase seiner Analyse wiederholt mit heftigen und tagelang rasenden Wutausbrächen, in denen er mich aufs wildeste beschimpfte, mit heftigsten Anklagen überschättete, Rachephantasien ausbrätete oder/und an Suizid dachte. Anlaß waren objektiv gesehen Bagatellen: z. B. die sehr pänktliche Beendigung einer Sitzung, da das Telefon klingelt, das Analysieren statt des unmittelbaren Beantwortens einer Frage u. ä.

Die enorme Spannung blieb jeweils über mehrere Sitzungen hinweg bestehen. Der Patient blieb dabei, daß ich ihn angegriffen hätte. Die Unverhältnismäßigkeit von Anlaß und Reaktion konnte er nicht sehen, ebensowenig, daß er seine eigene Feindseligkeit in mich hineinprojizierte.

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