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Sachs, H. (1919). »Der Sturm.«. Imago, 5(4):203-242.

(1919). Imago, 5(4):203-242

Abhandlungen

»Der Sturm.«

Hanns Sachs

I Einleitung

Den Menschen fehlt es an einem Mittel der Verständigung. Die Sprache reicht wohl aus, um uns gegenseitig unsere Wünsche und Bedürfnisse mitzuteilen, nicht aber auch die Zustände, in denen jene wurzeln; wir müssen uns daher meist damit begnügen, uns die fremde Seele nach dem Muster unserer eigenen vorzustellen, froh genug, wenn sich uns nur hie und da ein Zipfel des Vorhangs lüftet, den unsere Eigenart über alles Seelische außer uns breitet. Sich selbst in eine fremde Seele umzuformen, so daß man nicht nur Sehnsucht und Sorge des Tages, nein, auch die im Dämmerlicht des Geistigen verschwebenden Phantasien bis in den Traum hinein zu erkennen und vorauszuahnen vermag, dann aber diesen Zustand der Einfühlung so festzuhalten, daß andere folgen und das Wunder mit wachen Augen schauen können — das ist ohne Zweifel das größte Befreiungswerk an der Menschheit.

Diese Psychagogie ist es, der von Anbeginn die Dichter nachstreben und die nur ein Einziger gemeistert hat.

Die Menschen Shakespeares sprechen nicht aus ihrer Situation heraus, in die sich der Dichter versetzt hat, sondern aus dem eigenen Ich, und in so tiefstmenschlicher Wahrheit, daß zwar lauter einzigartige, nie wiederkehrende Persönlichkeiten vor uns zu stehen scheinen aber doch die Worte seiner Helden und Lumpen, Königinnen und Dirnen noch heute von allen Menschenlippen klingen.

Wer so fürstlich über allen andern Geistern thront, der wird es lieben, seinen Glanz zu verhüllen, um unerkannt, wie Harun al Raschid durch die Gassen Bagdads, durch das Leben zu ziehen.

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