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Hermann, I. (1924). Die Regression zum zeichnerischen Ausdruck bei Goethe. Imago, 10(4):424-430.

(1924). Imago, 10(4):424-430

Die Regression zum zeichnerischen Ausdruck bei Goethe

Imre Hermann

Am Anfange des zweiten Teiles von „Dichtung und Wahrheit“ beschreibt Goethe, wann und wie er in sich den Drang (zum ersten Male?) fühlte, zeichnen zu müssen. Es war die Zeit nach einer Liebesentsagung, nach der lustig begonnenen, qualvoll beendigten Bekanntschaft mit Gretchen. Er war sich selbst und der Einsamkeit überlassen und da fing er an, auf die ungeschickteste Weise — obzwar er von Kindheit an unter Malern gelebt hatte und künstlerische Betrachtung der Gegenstände gewohnt war — nach der Natur zu zeichnen. Er hing hartnäckig an dieser einzigen Art, sich zu äußern — obzwar schon längst mit dichterischen Schöpfungen beschäftigt — und setzte seine ganze Kraft in diese Betätigung. Es stieg langsam eine neue Begabung empor.

Bald nachdem wir diese Bichtungsänderung seiner künstlerischen Einstellung zu hören bekommen, erfahren wir (zwei Seiten weiter), daß er von solchen „halb künstlerischen Streifpartien wieder nach Hause gezogen ward, und zwar durch einen Magnet, der von jeher stark auf ihn wirkte: es war seine Schwester“. Sie, die Schwester war zwar äußerlich entschieden häßlicher als Gretchen, aber er tröstete sich doch, nachdem sein Verhältnis mit Gretchen gelöst war, mit seiner Schwester, „um desto ernstlicher, als sie heimlich die Zufriedenheit empfand, eine Nebenbuhlerin los geworden zu sein“. Goethes Liebe für Gretchen hatte sich also in die Geschwisterliebe gerettet. Also auch eine Richtungsänderung, aber statt einem neuen Objekte geltend, galt es hier dem alten Objekt der Schwester. Die Richtungsänderung bedeutet hier eine regressive Besetzung.

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