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Sadger, J. (1920). Über Prüfungsangst und Prüfungsträume. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 6(2):140-150.

(1920). Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 6(2):140-150

Über Prüfungsangst und Prüfungsträume

J. Sadger

Wilhelm Stekel behauptete zuerst, daß Prüfungsträume nichts anderes bedeuteten als Prüfungen des geschlechtlichen Könnens. Nie träume man von einem Examen, in welchem man durchfiel, stets nur von solchen, die längst und glücklich überwunden seien. Drum wäre der Prüfungs- in Wahrheit ein Trosttraum. Er besage etwa: so wie du dich damals in maßloser Sorge unnütz verzehrtest und dann doch mit Ehren abgeschnitten hast, so entbehrt auch deine jetzige Angst vor Impotenz der realen Begründung, du wirst im Sexuellen nicht versagen! Freud schloß sich dann Stekels Ausführungen an, die er aus seiner reichen Erfahrung bestätigte. Tatsächlich kann man an Prüfungsträumen von Nervösen wie Gesunden Stekels Erklärung als richtig aufzeigen. Immerhin schien mir bei vielen Kranken diese Deutung zwar nicht unzutreffend, doch nicht erschöpfend, nicht weit genug in die Tiefe führend. Es sah so aus, als lägen da tiefer Probleme verborgen.

Was sich mir mählich herauszukristallisieren schien, ward endlich zur Gewißheit durch einen Patienten mit Dementia paranoides im Anfangsstadium, der just infolge der Psychose kein Unbewußtes weit besser durchschaute als der Gesunde. Ein jetzt 25-jähriger Privatbeamter hatte eine höhere Gewerbeschule mit gutem Reifezeugnis beendet, um wenig später mit 20, 21 Jahren in seinem Berufe urplötzlich zu versagen. Er litt an verschiedenen Verfolgungsideen, ward menschenscheu und sah sieh unter anderem auch oft von Geistern und Gespenstern bedroht. Seiner späteren Psychoanalyse entnehme ich, daß er von kleinauf mit besonderer Innigkeit an der Mutter hing und, was besonders zu unterstreichen ist, zeitlebens stark unter der Herrschaft des Kastrationskomplexes stand. Nach einer weitverbreiteten Unsitte teilte er bis in die Pubertät hinein den Schlafraum mit den Eltern und ward so ungezählte Male zum Zeugen ihrer Intimitäten, ein Umstand, der verhängnisvoll nachwirkte.

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