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Reich (1928). Van de Velde, Dr. Th.: Die Abneigung in der Ehe. Eine Studie über ihre Entstehung und Bekämpfung, 275 S. — Die Erotik in der Ehe, 93 S. (Beide im Verlag Benno Konegen Leipzig und Stuttgart, 1928.). Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 14(4):534-536.

(1928). Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 14(4):534-536

Van de Velde, Dr. Th.: Die Abneigung in der Ehe. Eine Studie über ihre Entstehung und Bekämpfung, 275 S. — Die Erotik in der Ehe, 93 S. (Beide im Verlag Benno Konegen Leipzig und Stuttgart, 1928.)

Review by:
Reich

In der Literatur über das Eheproblem, die in den letzten Jahren infolge der Ehekrise immer breiteren Raum gewinnt, nehmen die Bücher von Van de Velde zweifellos eine hervorragende Stellung ein. Nachdem der Autor in seinem bekannten Buche über „Die vollkommene Ehe“ für die restlose Erotisierung der Ehe eingetreten ist, in wohltuendem Gegensatz zu jenem angeblich wissenschaftlich begründeten Muckertum, das in der Ehe ein metaphysisches Problem sehen will und durch seine asketischen Predigten unübersehbares Unheil anrichtet, behandelt der Autor im zweiten Bande seiner Trilogie über die Ehe die bekannten Gefahren, die der „vollkommenen Ehe“ entgegenstehen. Der Inhalt des an Gedanken und Anregungen reichen Werkes läßt sich in einem kurzen Referat nicht einmal auszugsweise wiedergeben. Seine eingehende Lektüre wird für jeden, dem die behandelten Fragen nahegehen, ein Gewinn sein.

Man empfindet es aber als Mangel, daß dieses Werk nicht die Geschlossenheit der „vollkommenen Ehe“ aufweist, vielfach allzusehr in die Breite geht, auf Nebenthemen abschweift und oft aphoristisch wird. Vom fachlichen Standpunkte aus muß der Analytiker die geringe Berücksichtigung der in der Literatur vorhandenen psa. Erkenntnisse und Beiträge zur Ehefrage bedauern. Das Buch kann auch schwerlich einer strengen soziologischen Kritik standhalten. Obwohl die gewichtigen ökonomischen Faktoren in ihren sekundären Wirkungen nicht übersehen werden, wird ihnen nicht jene Bedeutung beigemessen, die sie ihrem gesellschaftlichen Charakter nach haben. Es ist ja etwa richtig, daß die patriarchalische Haltung des Mannes in der Ehe eine Wurzel der Abneigung der Frau wird. Aber läßt sich mit wohlgemeinten Lehren die Tatsache aus der Welt schaffen, daß unsere Gesellschaftsordnung diese Stellung des Mannes mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln erhält und behütet? Daß sie in den elementarsten Fragen der Fortpflanzung und der Sexualhygiene immer das Verkehrte vertritt? Oder glaubt man ernsthaft, daß der Rat, die Nächstenliebe gegen die abstoßenden Kräfte in der Ehe zu betätigen, dem ehelichen Elend abhelfen kann, solange die Wohnungsfrage nicht gelöst ist?

Van de Velde tritt für die Dauermonogamie ein.

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