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St., A. (1929). Eine Traumtheorie vor 150 Jahren. Psychoanalytische Bewegung, 1(1):76-78.

(1929). Psychoanalytische Bewegung, 1(1):76-78

Eine Traumtheorie vor 150 Jahren

A. J. St.

Zehn kleine Druckseiten sind es insgesamt, vor 150 Jahren — am 16. Januar 1779 — gedruckt als die alljährliche „Einladungsschrift” des Gymnasiums in Schleusingen (im heutigen Regierungsbezirk Erfurt). Verfasser dieser „Theorie der Träume” ist Albr. Georg Walch, „Chur- und Fürstl. Sächssl. Professor und des Hennebergischen Gymnasiums Rektor”. Als Ergänzung der von Freud im Eingang seiner „Traumdeutung” gegebenen Zusammenstellung der wissenschaftlichen Literatur der Traumprobleme seien hier aus jenem verschollenen Heftchen der Zopfzeit einige Thesen angeführt, die an psychologischer Einstellung manchen Traumforscher des physiologisch orientierten nächsten Jahrhunderts übertreffen.

„ … Der Mensch hat außer andern Erkenntniskräften auch eine Kraft, ehemals gehabte Empfindungen und Ideen, abwesende Dinge nicht nur herzustellen und gegenwärtig zu machen, sondern auch sie zu teilen; aus der Verbindung, in der wir sie zuerst dachten, herauszureißen und uns solche in einer anderen Ideenreihe wieder darzustellen … So zerstücken wir unsere Ideen von mehreren schönen Menschen und setzen sie zu einem Ideal der vollkommensten Schönheit wieder zusammen. Die Seelenkraft nun, wodurch wir dieses tun, nennen wir die Einbildungskraft und Phantasie. Sie läßt es bei einem wiederhergestellten Bilde nicht bewenden, sondern setzt nach gleichem Gesetze, an dieses wieder ein anderes an …”

„ … Unsere Einbildungskraft verfährt bei Herbeirufung alter Begriffe weder so ganz nach unserer Willkür, noch auch nach einem Ohngefähr: sondern sie richtet sich, so wie alle Kräfte der Natur sowohl in der Geisterwelt als Körperwelt, nach einem unwandelbaren Gesetz und selbst nach unserem Willen bequemt sie sich anders nicht als mit vorhergehender Befolgung dieses Gesetzes, welches darin besteht: daß nur diejenigen Bilder bei uns aufleben können, welche mit einer jetzigen Idee oder Empfindung ehemals zugleich verbunden waren oder mit derselben eine Ähnlichkeit haben …”

„ … Wenn einen Traum erklären, nichts anders heißt, als Grund angeben, warum man eben dies und nichts anders geträumt habe, so kann dieser Grund nirgends anders als in der Vorstellung gesucht werden, an die die Seele den Faden des entstehenden Traumes zuerst anknüpfte …”

„ … Man muß wissen, daß der Traum nicht notwendig von derjenigen Idee oder der dunkeln Empfindung, die wir uns als die einzige wahrscheinliche Ursache unseres Traumes denken können, unmittelbar anfangen müsse.

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