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Rohner (1952). Kafka, Franz: Tagebücher 1910 bis 1923. S. Fischer Verlag (Lizenzausgabe von Schocken Books New York), Frankfurt am Main, 1951, 737 S.. Psyche – Z Psychoanal., 5(12):205-209.

(1952). Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse, 5(12):205-209

Kafka, Franz: Tagebücher 1910 bis 1923. S. Fischer Verlag (Lizenzausgabe von Schocken Books New York), Frankfurt am Main, 1951, 737 S.

Review by:
  Rohner

Pathologie und Therapie sind, grob gesprochen, die Wissens- und Aufgabenbereiche des Arztes. Daß den Anfang der Heilung das bewußte Wissen vom Wesen des Leidens darstelle, nicht nur für den Heilenden, sondern auch bei dem, der leidet — unter dieser Devise wurde um die Jahrhundertwende die psychoanalytische Bewegung inauguriert. Genau das bildete — auch im ersten Viertel unseres Jahrhunderts — Franz Kafkas Thematik. „Störung und Freiheit“, steht als Leitspruch über jeder Seite seines Werks in dem Sinne von: „Die Störung erkennen heißt den ersten Schritt tun zur Befreiung.“

Wer, von diesem seinem Werk herkommend, den therapeutischen Sinn, um nicht zu sagen: die heilerische Absicht eines solchen Schreibens wie des Kafkaschen noch in Zweifel ziehen möchte, wird durch die Lektüre der nun endlich vollständig vorliegenden Tagebücher eines anderen belehrt. Es ging Franz Kafka, so schrieb er am 20. Oktober 1911 in sein Quartheft, beim Schreiben darum, „eigentlich in das Freie der eigentlichen Beschreibung zu kommen, die einem den Fuß vom Erlebnis löst“. Und so kann er ein andermal geradezu von der „Erkenntnis des Schreibens“ sprechen (Eintrag vom 29. Mai 1914). Siebenhundert Seiten Tagebuch, und eine einzige Essenz: im Akt des Schreibens taut das Eis dessen, was den Menschen umstarrt, der Gegen-Stände Grenzen eröffnen sich, und wer so in ihr Wesen, in ihr „Eigentliches“ gerät, hat sie erkannt und ist von ihrer Störung befreit; denn stören kann uns nur, was uns fremd bleibt.

Eine eigentümlich ausgeprägte Begegnung mit dem Satanischen, wird der Theologe sagen, sich erinnernd, daß „Satan“ im Hebräischen so viel heißt wie „der Fremde“ — das jeden Leser notwendigerweise erschütternde Schlachtfeld der Tagebücher ein einziger Satanskampf.

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