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Lincke, H. (1970). Das Überich—eine gefährliche Krankheit?. Psyche – Z Psychoanal., 24(5):375-402.

(1970). Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse, 24(5):375-402

Das Überich—eine gefährliche Krankheit?

Harold Lincke

Die Art und Weise, wie der ödipale Konflikt vorbereitet, durchlaufen und bewältigt wird, ist in hohem Maße von kulturellen und gesellschaftlichen Faktoren abhängig. Diese gehen dementsprechend auch in die Ausprägung des Überichs (als Erbe des Ödipuskomplexes) und in die Beziehung zwischen Ich und Überich ein. Es scheint, daß unsere Kultur die Entwicklung eines relativ hohen Niveaus von Ich-Überichspannimg fördert. Die resultierenden Scham-, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle sucht die Gesellschaft auszubeuten und in ein hohes Aktivitätspotential überzuführen, indem sie Abwehrformen wie Leistung, Initiative und Identifizierung mit dem Überich gegen sie einsetzt. Das infolge dieser Identifizierung in seiner Beweglichkeit eingeschränkte Ich weicht auf alloplastische Wege der Anpassung aus. Der Drang, die Umwelt den eigenen. Bedürfnissen zu unterwerfen, führt sich selbst aber (als Abwehrhaltung gegen Überichängste) in dem Moment ad absurdum, wo die von ihm angefachte Entwicklung seiner Kontrolle zu entgleiten beginnt. Die Auswirkungen der dadurch heraufbeschworenen Krise für institutionell verfestigte Abwehrhaltungen und das Hervortreten neuer Abwehrmechanismen werden an einigen gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungstendenzen aufgezeigt.

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